Hausmittel gegen Durchfall beim Hund: Was hilft wirklich?

Dein Hund hat Durchfall, und der erste Reflex ist wahrscheinlich derselbe wie bei vielen Hundehaltern: Erst mal googeln, was jetzt helfen könnte. Morosche Karottensuppe? Flohsamenschalen? Reis mit Hühnchen oder lieber einen Tag fasten lassen? Heilerde? Oder doch Aktivkohle aus der Apotheke?

Das Problem dabei: Zu fast jedem dieser Hausmittel findest du Empfehlungen und gleichzeitig mindestens genauso viele Gegenstimmen. Also wird drauflos ausprobiert: ein bisschen Flohsamenschalen, etwas Heilerde, vielleicht noch ein Tag Futterpause dazwischen. Verständlich. Schließlich möchtest du deinem Hund möglichst schnell helfen.

Aber nicht jedes Hausmittel ist bei jeder Art von Durchfall sinnvoll. Denn Durchfall ist zunächst nur ein Symptom, das ganz unterschiedliche Ursachen haben kann. Außerdem unterscheiden sich die verschiedenen Hausmittel deutlich darin, wie sie im Verdauungstrakt wirken. Deshalb schauen wir uns die bekanntesten Empfehlungen einmal etwas genauer an.

 

1. Flohsamenschalen: Immer eine gute Idee bei Durchfall?

Flohsamenschalen gehören vermutlich zu den am häufigsten empfohlenen Hausmitteln bei Durchfall. Und tatsächlich haben sie Eigenschaften, die therapeutisch sind. Sie bestehen zu einem großen Anteil aus löslichen, gelbildenden Faserbestandteilen und können große Mengen Wasser aufnehmen. Dadurch entsteht eine gelartige Masse, die die Konsistenz des Darminhalts beeinflussen kann. Das bedeutet aber nicht automatisch: Weicher Kot = Flohsamenschalen helfen.

Die Fasern (Ballaststoffe) unterscheiden sich unter anderem in ihrer Löslichkeit, Fermentierbarkeit und Viskosität. Genau diese Eigenschaften beeinflussen auch die Wirkung im Verdauungstrakt. Sie können beispielsweise Wasser binden, die Darmpassage beeinflussen oder den Darmbakterien als Substrat dienen. Dass Flohsamenschalen durchaus therapeutischen Nutzen haben können, zeigen Untersuchungen bei Hunden mit Dickdarmdurchfall. Bei akuter nichtinfektiöser Colitis schnitt eine leicht verdauliche Fütterung mit zusätzlichen Flohsamenschalen in einer randomisierten Studie gut ab; auch bei chronischem Dickdarmdurchfall wurden positive Effekte beschrieben.

Der entscheidende Punkt ist aber: Die Studien beziehen sich auf dickdarmassoziierte Beschwerden und nicht auf Durchfall, der im Dünndarm entsteht. Das bedeutet also, dass Flohsamenschalen nicht unbedingt das richtige Hausmittel für jeden Hund mit Durchfall sind. Ob zusätzliche Fasern sinnvoll sind, hängt nämlich unter anderem von der Ursache und Art der Beschwerden ab. Auch die Auswahl der Faserquelle spielt eine Rolle. Neuere Untersuchungen beschäftigen sich deshalb ganz gezielt mit unterschiedlichen Fasertypen bei gastrointestinalen Erkrankungen. Hinzu kommt: Flohsamenschalen binden Wasser. Eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung ist deshalb besonders wichtig.

Fazit: Flohsamenschalen können bei bestimmten Formen von Durchfall wirklich eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie sind aber kein pauschales „Durchfallmittel“, das bei jedem weichen Kot empfehlenswert ist.

 

2. Heilerde: Bindet sie alles, was raus muss?

„Heilerde bindet Giftstoffe und Schadstoffe im Darm.“ Diese Aussage liest man häufig. Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Unter dem Begriff Heilerde oder medizinische Tonerde werden mineralische Produkte mit unterschiedlicher Zusammensetzung angeboten. Bestimmte Tonminerale besitzen adsorbierende Eigenschaften. Das bedeutet: Stoffe können sich an ihrer Oberfläche anlagern und werden mit dem Nahrungsbrei abtransportiert.

„Heilerde“ ist aber kein einheitlicher Wirkstoff und die Eigenschaften jedes Mineralprodukts hängen von seiner konkreten Zusammensetzung ab. Interessant ist in diesem Zusammenhang beispielsweise Smektit, ein Tonmineral, das medizinisch bei Durchfallerkrankungen eingesetzt wird. Dazu gibt es auch Untersuchungen beim Hund: In einer klinischen Studie führte Smektit bei einer bestimmten Form von Durchfall zu einer kürzeren Krankheitsdauer. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass jede handelsübliche Heilerde bei jedem akuten Durchfall dieselbe Wirkung besitzt.

Und auch hier gilt: Selbst wenn ein Produkt Stoffe im Darm adsorbieren kann, behandelt es damit nicht zwingend die Ursache des Durchfalls.

Fazit: Bestimmte Tonminerale können bei Durchfall hilfreich sein. Die pauschale Aussage „Heilerde bindet alles Schlechte im Darm“ ist aber deutlich zu vereinfacht. Daher am besten erst nach Rücksprache mit dem Tieraärzt einsetzen.

 
3. Aktivkohle: nur für ganz bestimmte Fälle von Vergiftungen

Aktivkohle wird ebenfalls gerne als Hausmittel gegen Durchfall genannt. Dabei liegt ihr eigentlicher Einsatzbereich ganz woanders:

Durch ihre sehr große Oberfläche kann Aktivkohle bestimmte Giftstoffe an sich binden. Deshalb wird sie in der Tiermedizin vor allem bei bestimmten Vergiftungen eingesetzt. Wichtig ist allerdings: Nicht jeder Giftstoff wird ausreichend gebunden, und je nach aufgenommenem Stoff kann die Anwendung sogar ungeeignet sein. Außerdem ist Aktivkohle nicht vollkommen harmlos: Sie kann selbst als Nebenwirkung Erbrechen auslösen. Zusätzlich färbt Aktivkohle den Kot schwarz, was bei einer Kotuntersuchung z. B. die Beurteilung erschwert, ob Blut im Kot enthalten ist.

Für einen Hund mit einem gewöhnlichen, unkomplizierten Durchfall gibt es daher keinen sinnvollen Grund, vorsorglich zur Kohletablette zu greifen.

Fazit: Aktivkohle gehört nicht zu meinen Standardmaßnahmen bei akutem Durchfall. Und bei Verdacht auf eine Vergiftung gilt sowieso: nicht selbst herumprobieren, sondern sofort Tierarzt, Tierklinik oder Giftnotruf kontaktieren!

 

4. Morosche Karottensuppe: Das Hausmittel mit dem wohl besten Ruf

Die Morosche Karottensuppe hat unter den Hausmitteln gegen Durchfall fast schon Kultstatus. Und sie ist tatsächlich interessanter als viele andere Empfehlungen.

Seit der Kinderarzt Ernst Moro sie Anfang des 20. Jahrhunderts für Säuglinge mit Durchfall entwickelte, wird beobachtet, dass sich der Durchfall damit oft schneller bessert. Bei der Moroschen Suppe geht es nicht einfach nur um „gekochte Karotten“. Die Besonderheit der traditionellen Zubereitung liegt in der langen Kochzeit. Dabei entstehen Kohlenhydratstrukturen, die dazu beitragen können, dass sich bestimmte Erreger schlechter an die Darmwand anheften (Kastner et al., 2002). Außerdem bringen Karotten unter anderem lösliche und unlösliche Faserbestandteile mit.

Trotzdem sollte man auch die Morosche Karottensuppe realistisch einordnen: Sie ist kein Medikament gegen sämtliche Ursachen von Durchfall und natürlich auch keine Lösung für beispielsweise Parasitenbefall, einen Fremdkörper oder eine ernsthafte organische Erkrankung.

Und noch etwas ist wichtig: Die Karottensuppe allein ist keine komplette Schonkostration. Sie ergänzt die Schonkost, sollte aber nicht ausschließlich gefüttert werden, ohne zu hinterfragen, warum der Durchfall möglicherweise anhält.

Fazit: Die Morosche Karottensuppe kann bei unkompliziertem akutem Durchfall eine gute unterstützende Maßnahme sein. Ein Wundermittel ist aber auch sie nicht.

 

5. Reis und Hühnchen: Die klassische Schonkost

Kaum ein Tipp hält sich so hartnäckig wie: „Bei Durchfall Reis mit Hühnchen kochen.“ Grundsätzlich steckt dahinter ein sinnvoller Gedanke: Eine vorübergehend leicht verdauliche Fütterung (= Schonkost) kann den Verdauungstrakt entlasten.

Aber eine gute Schonkost muss nicht immer aus Hühnchen und Reis bestehen. Nicht jeder Hund verträgt Huhn. Manche reagieren darauf genauso empfindlich wie auf jedes andere Futter auch. Und es ist auch nicht für jede Verdauungssituation dieselbe Zusammensetzung sinnvoll, so dass es auch bei der Auswahl einer Kohlenhydratquelle oder eines zusätzlichen Gemüseanteils Unterschiede geben kann.

Wie jede Schonkost ist auch Huhn mit Reis nicht bedarfsdeckend und nur für die Akut-Phase gedacht.

Fazit: Leicht verdauliche Kost ist bei akutem Durchfall durchaus sinnvoll. „Huhn mit Reis“ ist aber nur eine mögliche Variante und nicht in jedem Fall die beste. Sollte ein Hund beispielsweise kein Huhn vertragen, muss eine andere magere und leichtverdauliche Proteinquelle gewählt werden. Dasselbe gilt für Reis, bzw. eine alternative Kohlenhydratquelle.

 
6. Fasten: Muss der Darm erst einmal leer werden?

„24 Stunden gar nichts füttern, damit sich der Darm erholen kann.“ Auch diese Empfehlung findet man nach wie vor häufig. Die Vorstellung klingt zunächst logisch: Wenn nichts hineinkommt, muss der Verdauungstrakt weniger arbeiten. Der Darm ist aber kein Rohr, das am besten heilt, wenn man es möglichst lange leer lässt. Die Darmschleimhaut benötigt Energie und Nährstoffe, und in der modernen Forschung wird eine unnötig lange Nahrungskarenz zunehmend kritisch gesehen.

Bei Erbrechen ist das etwas anderes. Solange aufgenommenes Futter nicht drin behalten werden kann, macht es keinen Sinn, den Magen dazu zu drängen. Aber Durchfall allein macht einen Fastentag nicht zwingend nötig. Gerade bei Welpen, sehr kleinen Hunden, Senioren oder Tieren mit bestimmten Erkrankungen sollte man mit pauschalen Fastenempfehlungen ohnehin besonders vorsichtig sein.

Fazit: Bei Durchfall grundsätzlich 24 Stunden fasten ist als allgemeine Empfehlung nicht zielführend. Ob und wann Fasten Sinn macht, sollte nach der individuellen Situation des Hundes beurteilt werden.

 
Aber was hilft denn nun wirklich?

Vielleicht ist dir beim Lesen etwas aufgefallen: Bei fast jedem Hausmittel lautet die Antwort „Es kommt darauf an.“ Das klingt zunächst unbefriedigend, ist aber leider dennoch die wichtige Erkenntnis dieses Artikels. Denn Durchfall ist nicht gleich Durchfall.

Ein Hund, der nach einem Futterwechsel ein-, zweimal breiigen Kot absetzt, ist eine völlig andere Situation als ein Hund, der alle zwei Stunden wässrigen Durchfall hat. Und ein Hund mit häufigem Kotabsatz und Schleim und benötigt meist eine andere Unterstützung als ein Hund mit großen Mengen wässrigen Kots.

Deshalb ist die bessere Frage nicht: „Welches Hausmittel hilft gegen Durchfall?“ Sondern: „Was braucht mein Hund in dieser Situation?“ Und manchmal lautet die Antwort eben auch: keines dieser Hausmittel.

Bevor du Flohsamenschalen anrührst oder Karotten in den Kochtopf wirfst, lohnt sich deshalb immer erst ein Blick auf deinen Hund:

  • Wie geht es ihm insgesamt?
  • Wie sieht der Durchfall aus?
  • Trinkt er? Frisst er?
  • Erbricht er zusätzlich?
  • Ist Blut im Kot?
  • Wie häufig muss er Kot absetzen?
  • Seit wann besteht der Durchfall?
  • Ist er munter oder ungewöhnlich ruhig und abgeschlagen?

Die wichtigste Entscheidung bei Durchfall ist nicht, was man geben kann, sondern die Frage, ob du die Situation zunächst selbst begleiten kannst, oder ob dein Hund als erstes tierärztlich untersucht werden sollte.

Bei deutlich reduziertem Allgemeinzustand, wiederholtem Erbrechen, Blut im Kot, (Bauch-)Schmerzen, Austrocknung oder anderen Begleitsymptomen solltest du nicht erst Hausmittel ausprobieren, sondern direkt zum Tierarzt gehen. Auch bei Welpen, sehr alten Hunden oder Hunden mit Vorerkrankungen ist eine zügige tierärztliche Abklärung sinnvoll.

 
Hausmittel können unterstützen, ersetzen aber keine Strategie

Flohsamenschalen sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Heilerde ist kein universeller Schadstoffmagnet, und selbst die Morosche Karottensuppe löst (leider) nicht jedes Magen-Darm-Problem.

 

Wichtiger ist zu wissen: Was ist die Ursache für den Durchfall und was passt dazu, und kann ich  in der Situation selbst tätig werden:

 

  • Kann ich meinen Hund im Moment selbst unterstützen oder sollte er zum Tierarzt?
  • Welche Art von Fütterung ist jetzt sinnvoll?
  • Welche Lebensmittel sind gut verträglich?
  • Woran erkenne ich, dass der Verlauf nicht normal ist?
  • Wann kann ich wieder auf das gewohnte Futter umstellen?

Genau dabei hilft ein klarer Fahrplan wesentlich mehr als eine Sammlung von vermeintlichen Wundermitteln. Wenn du dir für den nächsten Durchfall nicht wieder sämtliche Google-Tipps zusammensuchen möchtest, findest du in meinem Ratgeber „Akuter Durchfall beim Hund“ einen konkreten Leitfaden mit ausführlichen Hintergrundinformationen zu möglichen Ursachen und Symptomen, geeigneten Schonkost-Komponenten sowie zur richtigen Zubereitung und Fütterung. Zusätzlich erhältst du den Zugang zu meinem Online-Schonkostrechner. Damit kannst du passend zum Körpergewicht und zur jeweiligen Situation deines Hundes eine individuelle Schonkostration berechnen.

 

Außerdem enthält das eBook:

  • wann Rücksprache mit dem Tierarzt notwendig ist
  • ausführliche Anleitungen zur Zubereitung unterschiedlicher Schonkost und Rezepte
  • Alternativen für Hunde, die die gängigen Zutaten nicht vertragen
  • das Durchfalltagebuch als App für´s Handy

Denn wenn nachts um halb drei der Hund Durchfall bekommt, möchtest du vor allem eines wissen:

Was mache ich jetzt als erstes?

  Quellen & weiterführende Literatur    

Flohsamenschalen und Ballaststoffe

  • Rudinsky, A. J., Parker, V. J., Winston, J., et al. (2022). Randomized controlled trial demonstrates nutritional management is superior to metronidazole for treatment of acute colitis in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 260(S3), S23–S32. https://doi.org/10.2460/javma.22.08.0349
  • Lappin, M. R., Zug, A., Hovenga, C., Gagne, J., & Cross, E. (2022). Efficacy of feeding a diet containing a high concentration of mixed fiber sources for management of acute large bowel diarrhea in dogs in shelters. Journal of Veterinary Internal Medicine, 36(2). https://doi.org/10.1111/jvim.16360
  • Leib, M. S. (2000). Treatment of chronic idiopathic large-bowel diarrhea in dogs with a highly digestible diet and soluble fiber: A retrospective review of 37 cases. Journal of Veterinary Internal Medicine, 14(1), 27–32. https://doi.org/10.1111/j.1939-1676.2000.tb01495.x

Heilerde und Smektit

  • Fournier, Q., Serra, J. C., Williams, C., & Bavcar, S. (2021). Chemotherapy-induced diarrhoea in dogs and its management with smectite: Results of a monocentric open-label randomized clinical trial. Veterinary and Comparative Oncology, 19(1), 25–33. https://doi.org/10.1111/vco.12631

Aktivkohle

Morosche Karottensuppe

  • Kastner, U., Glasl, S., Follrich, B., Guggenbichler, J. P., & Jurenitsch, J. (2002). Acid oligosaccharides as the active principle of aqueous carrot extracts for prevention and therapy of gastrointestinal infections. Wiener Medizinische Wochenschrift, 152(15–16), 379–381. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12244882/

Fasten und Schonkost bei akutem Durchfall

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